Wahrzeichen von Wolfskehlen |
Als Kleinkind konnte ich von meinem Sandkasten aus den Kirchturm sehen, damals wurden Orte noch nicht umweltschädlich verdichtet. Wenig später als ich dann schaukeln konnte, las ich beim Schaukeln die Zeit der Kirchturmuhr ab und freute mich, wenn noch eine Weile blieb, um mich schaukelnd weiterzubewegen, bevor ich alsdann "ausgepowert" zu Bett gebracht wurde.
Das Schaukeln erweckte in mir das Gefühl, fliegen zu können, bis hin zum Kirchturm, von dem aus tagein, tagaus die Glocken erklangen. Ich liebte ihren Klang.
Blick auf Wolfskehlen, im Hintergrund das Gelände, wo die Burg Neu-Wolfskehlen einst stand. |
Während ich die steilen Treppen des Kirchturms hochstieg, stellte ich mir vor, wie vielleicht eine energisch auftretende Frau, in den Zeiten noch knöchellanger Röcke, den Weg hinauf gegangen ist, weil sie neugierig auf den Ausblick war, der ihr an sonnigen Tagen die Bergstraße, den Odenwald, die Rheinfront und auch den Taunus näher brachte, Gegenden, die sie, wenn überhaupt, nur selten persönlich aufsuchen konnte. Ob ein Glöckner ihr diesen nicht ungefährlichen Weg überhaupt erlaubt hätte? Die Welt einer Frau war damals noch klein, ihre Träume waren es möglicherweise keineswegs.
Kirchturmuhr und eines der Sandstein- türmchen. Hätte ich die Uhr vollständig fotografieren wollen, wären Flügel notwendig gewesen. Diese hatte ich allerdings zuhause vergessen, |
Zu Beginn des 30 jährigen Krieges, also konkret 1618, wurde an der Stelle der baufälligen Kirche eine neue Kirche erbaut. Am Eingang dieser Kirche entdeckt man übrigens die Grabplatte Elisabeths von Wolfskehlen, die aus dem Jahre 1330 stammt. Diese Grabplatte befand sich vormals auf dem Friedhof, der sich an das Gotteshaus anschloss und wurde weiterer Verwitterungsschäden wegen in den Innenraum des Sakralbaus erbracht.
Das 1322 seitens von Christina von Wolfskehlen gestiftete kostbare "Wolfskehler Altarbild" wurde 1821 dem Landesmuseum Darmstadt geschenkt und das obgleich, das Kunstwerk zweimal Schutz für das gesamte Dorf und die Kirche selbst wurde. Prachtvolle Altarbilder hatten bekanntermaßen in protestantischen Kirchen nichts zu suchen. Deshalb wohl wurde das Kunstwerk lange Zeit zunächst in der Pfarrscheune ausgelagert.
Doch vielleicht war dies auch gut so, denn 1862 brannte die Kirche bis zu den Grundmauern nieder.
Zwei Jahre später wurde mit dem Wiederaufbau im neugotischen Stil begonnen, doch als man 1865 fast damit fertig war, stürzte durch einen Sturm der neu aufgeschlagene Turm ein, wodurch das Kirchendach empfindlich beschädigt wurde. Noch ein weiteres Mal nahm der Turm Schaden und zwar im Zweiten Weltkrieg. Vielleicht hätte das Altarbild an seinem angestammten Platz dies verhindern können? Möglicherweise sind Gnadenbilder ja doch mehr als sakraler Popanz in katholischen Wallfahrtskirchen? Wer weiß das schon…
Blick auf Wolfskehlen und die Bergstraße |
Zwischenzeitlich wurde die Wolfskehler Kirche vor geraumer Zeit vollständig saniert und erstrahlt jetzt gewissermaßen in neuem Glanz.
Die Besichtigung des Glockenturms macht erforderlich, dass man sich erst mal über zahllose Treppenstufen und ab dem Dachboden dann über waghalsig zu erklimmende Leitersprossen hochbewegen muss. Nichts für Menschen mit Höhenangst.
Jens Funk vom Kirchenvorstand erläuterte sachkundig die jüngsten Umbauarbeiten auf dem Dachboden, der sich aus statischen Gründen leider nicht zu Großveranstaltungen eignet, obschon der Raum dies von der Größe hergeben würde.
Michaela Hammann Mitglied des Kirchenvorstandes. |
Die überaus charmante Michaela Hammann, ebenfalls vom Kirchenvorstand, führte die Besucher hoch zu den drei Glocken und von dort aus auf das kleine Aussichtsplateau, von wo aus, man nicht nur das gesamte Südried und die angrenzenden Berglandschaften, sondern natürlich auch die Dächer und Gärten der Gemeinde bewundern kann und nicht zuletzt, die Erhebung deutlich erkennt, wo vormals Burg Neu-Wolfskehlen stand, übrigens von den Soldaten eines in der Nähe liegenden Klosters (heute Kiawah-Golfpark Riedstadt, das Gelände mit der großen Buddha-Skulptur) geplättet. So kann sich die Geisteshaltung im Laufe der Zeiten ändern...
Auf dem Rückweg nahm ich etwas verwundert Orgelmusik wahr. Ein Besucher spielte die Musik eines Kirchenliedes, das Katholiken und Protestanten in ihrem Repertoire haben, wenn auch mit unterschiedlichen Texten.
Von der Empore aus hörte dem Organisten eine hier ansässige chinesische Familie aufmerksam zu und dokumentierte, freundlich lächelnd, das friedliches Zusammenleben an allen Orten möglich ist. Es ist eine Sache gegenseitiger Akzeptanz, die ja bekanntermaßen Ausdruck von Nächstenliebe ist.
Helga König
(Text und Fotos)
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